ERKLÄRUNGEN ZUM OBERTONGESANG

beinhaltet verschiedene Formen und Techniken des Musizierens mit der Stimme, deren Fokus darauf gerichtet ist, das Innenleben des Tones – eben die Obertöne – hörbar zu machen.

Stellen Sie sich vor, dass jeder natürliche Ton aus einem Grundton und einer darüber aufsteigenden Reihe von Obertönen besteht. Diese Obertöne als Bestandteil des Klanges bestimmen in ihrer Zusammensetzung die Klangfarbe und signalisieren uns, ob dieser Ton von einer Geige, einer Trompete oder einer Kreissäge, von dieser oder jener Person kommt.

Sogar die Sprache besteht aus einer ständigen Modulation dieses Codes von Obertönen. Wir hören zwar die Bedeutung, aber nicht den Code. Nun ist es aber auch möglich, durch gezieltes Üben, den Code, die Obertöne quasi mikroskopisch selbst herauszuhören, ihnen Resonanz zu geben und sie damit auch für andere hörbar zu machen.

Es ist eine Sache des Erspürens, des Erhorchens und des Raumgebens, einem Klang, einem Ereignis die rechte Resonanz zu geben. Dann wird eine Klangwelt hörbar, die ganz fein ist und fast überirdisch klingt, die uns an die Harmonie der Sphären erinnert und sicherlich auch damit zu tun hat. Die innere Gesetzmäßigkeit von Klang oder Schwingung allgemein wird offen-hör-bar, offenbar.

Pythagoras hat die Obertonreihe mit ihren Proportionen und Gesetzmäßigkeiten immer wieder als Basis seiner Forschungen und Erkenntnisse zitiert.
Was sind Obertöne?

Jeder Ton, den wir hören, besteht aus mehreren Teilen: einem Quantitativen (der Tonhöhe oder Grundfrequenz) und einem Qualitativen (der Klangfarbe, den Obertönen). So können wir nicht nur die absolute Tonhöhe erkennen, sondern auch, ob der Ton von einer Geige, einer Kreissäge oder einem Vogel erzeugt wird. Bestimmt wird die Klangfarbe durch die Auswahl der Obertöne, die zum Grundton mitschwingen. Physikalisch gesehen stehen die Obertöne in einem ganzzahligen Verhältnis (1:2:3:4 etc) zur Grundfrequenz.

Aus diesem musikalischen Material setzen die Oberton-Sängerinnen und -Sänger Klänge und Melodien zusammen. Nur wenige dieser Töne entsprechen genau unserer (gleichschwebend temperierten) Skala. Mit zunehmender Tonhöhe weichen sie immer mehr davon ab. In anderen Kulturen jedoch werden viele Intervalle von Obertönen abgeleitet.

Lauschen wir konzentriert in den Klang einer Stimme bei ausgehaltenem Ton, so werden wir nach einiger Zeit Teiltöne des natürlich vorhandenen Obertonspektrums wahrnehmen. Durch geistige Sammlung gelingt es dem Sänger Obertöne herauszukristallisieren, ähnlich wie im Fokus des Prisma aus weißem Licht Farben hervortreten. Um die Schwingungen dieses Zustands zu empfinden, müssen wir unser Gehör auf eine sehr feine Ebene einstellen. Obertonsingen ist die Neue und doch uralte Weise der Verbindung von Musik und Meditation.

Die erstaunlichen Analogien von Oberton-Intervallen zu anderen physikalischen Größen, z.B. in der Astrologie (Planetenumlaufzeiten), Biologie (z.B. Aufbau des menschlichen Körpers), Architektur (Maßverhältnisse in ägyptischen Pyramiden, gotischen Kathedralen), Physik (Elementarteilchen- und Quantenphysik), beschäftigen die Wissenschaft der Welt seit Jahrtausenden. In unserem Kulturbereich war es Phytagoras, der, in einer spirituellen Kommune lebend und lehrend, diese musikalisch mathematisch transzenierenden Realitäten erkannte. Diese universelle “Harmonie der Welt” wird heute wieder im “Hans-Kayser Institut für harmonikale Grundlagenforschung” an der Musikhochschule in Wien erforscht. In der christlich-mythischen Welt der gregorianischen Choräle, der Gesänge einer Hildegard von Bingen, der mittelalterlichen Schule von Notre-Dame in Paris, werden – bewusst oder unbewusst – bestimmte Obertonmelodien durch die Abfolge verschiedener Vokale erzeugt, verstärkt durch den akustisch günstigen Raum der gotischen Kathedralen. Wir habe es also zu tun mit einer Transformation vorchristlich-okkulter Erkenntnis und Naturverehrung in den kirchlichen Bereich hinein.

Die heutige, relativ neue Gesangstechnik der Oberton-Sängerinnen und -Sänger knüpft an die Tradition der Xöömi-Gesänge mongolischer Geisterbeschwörer, die Mantra-Gesänge tibetischer Mönche und christlicher Traditionen an.

aus dem Booklet der CD Rise My Soul

Die Geschichte der Obertöne – eine Geschichte westlicher Tonkultur

Einleitung

Obertonmusik mag für das eine oder andere Ohr exotisch klingen – interessanterweise jedoch
hat die Obertonmusik ihre Wurzeln auch in der europäischen Musikkultur. Die frühe westliche
Musik war, wie die aller anderen Kulturkreise und Völkerschaften auch, von den Obertönen
geprägt. Dies galt insbesondere für die Klangfarbe der Stimmgebung sowie das Klangideal der
Instrumente. Die Musik war grundtonorientiert, also ausschließlich auf ein Zentrum hin
ausgerichtet. So fand in der musikalischen Analogie das Anliegen des damaligen Menschen
Ausdruck, den einen Gott zu loben und eins mit ihm zu werden. Ein Beispiel dafür findet sich im
Gesang der gregorianischen Choräle. Sie bewegen sich ausschließlich im modalen Rahmen
der Kirchentonarten. Hört man diesen Gesängen konzentriert zu, sind die dazugehörenden
Obertöne wahrnehmbar.

Section 1

Spiraltanz der Obertöne

Im Laufe der kulturellen Entwicklung veränderten sich die
musikalischen Ansprüche. Im Barock z.B. wollten die Komponisten weite harmonische Reisen
durchführen. Größere Modulationen konnten jedoch wegen der reinen Stimmung nur im
begrenzten Rahmen durchgeführt werden. Die Ursache erklärt sich folgendermaßen: Wenn
man reine Quinten übereinander schichtet, wie vom Bild des Quintenzirkels her bekannt, kommt
man nicht genau beim Ausgangspunkt, sondern bei einem Ton der etwas höher liegt wieder an.
Räumlich gedacht bedeutet das: Der Quintenzirkel ist nach der reinen, obertonalen Stimmung
eine Spirale – eine dreidimensionale evolutionäre Struktur! Dieses System ließ sich jedoch nicht
auf die Tasteninstrumente übertragen.

Section 2

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